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Depressionen und ADS/ADHS

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Frage(n):
Geschrieben von: Dr. Martin Winkler
ADHS Schwerpunkt für Erwachsene
Klinik Lüneburger Heide Bad Bevensen
Am Klaubusch 21
Erstfassung: 15 Jun 2004. Geändert: 15 Mrz 2006.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Depressionen und ADHS/ADS?

Ich habe einen 8 jährigen Sohn, der wegen ADHS in Behandlung ist. Ich selber bin schon seit einigen Jahren wegen einer Erschöpfungsdepression in psychotherapeutischer Betreuung. Derzeit komme ich in der Therapie nicht weiter, da sich meine Desorganisation bzw. mein Hang zum Perfektionismus auch in der gesammten Therapie nicht verändert hat. Ich neige ständig dazu, mich zu überfordern und bin dann ständig müde und erschöpft.

Antwort:
Leider findet man auch in der Fachliteratur bisher nur sehr wenig Informationen zum Themengebiet ADHS und Depression. Dabei ist natürlich sowohl eine Differentialdiagnostik (also : entweder ADS oder Depression), ein völlig unabhängiges zufälliges Zusammentreffen von ADS und Depressionen, aber auch eine Komobidität (bzw. eine besondere Ausprägung der Depression durch eine ADHS-Veranlagung) möglich. ADHS-Patienten weisen in einer sehr hohen Prozentzahl Depressionen auf (ca 20-40 %). Es ist aber (leider) auch anzunehmen, dass gerade unter den chronisch verlaufenden depressiven Erkrankungen immer noch eine Vielzahl von nicht erkannten ADHS-Patienten zu finden wären.

Wie Sie vielleicht wissen, ist ADHS eine genetisch mitbestimmte Erkrankung. Es ist also für die Diagnose durchaus relevant, dass sich in der Familienanamnese weitere Angehörige mit ADHS finden lassen (obwohl dies kein Muss oder aber ein Beweis wäre). Häufig ist es aber leider so, dass die klinische Symptomatik von ADHS (gerade bei Frauen) nur sehr selten von den Ärzten erkannt oder richtig eingeordnet wird und allein an eine Erschöpfungsdepresssion oder aber (meist vorschnell) an eine "atypische" Depression, bipolare Störung oder schizoaffektive Erkrankung gedacht wird.

Nahezu unbekannt (weil nicht in den offiziellen Diagnosekriterien eingeschlossen) sind die Stimmungsprobleme bei ADHSlern. Dies wird auch als "intermittierende Dysphorie" (immer wieder plötzlich einsetzende Traurigkeit und Gereiztheit mit schnellem Wechsel zu normaler Stimmung, nach aussen aber eher "euphorisch" oder gut gelaunt wirkend) beschrieben. Zudem kommen schwere Selbstwertzweifel bzw. Unsicherheiten hinzu, die gerade Frauen durch Perfektionismus (oder sogar Zwanghaftigkeit) zu kompensieren versuchen. Dies kann u.a. durch die Angst begründet zu sein, nicht Dinge zu vergessen. ADHS ist weniger eine reine Störung der Aufmerksamkeit (und erst recht nicht bloss hyperkinetische Auffälligkeit), sondern eben durch Störungen der Selbstorganisationen (Planung, Setzen von Prioritäten, Zeitgefühl, Arbeitsgedächtnis) geprägt. Fallen einem diese Dinge schwer, so muss man im Alltag zu "Tricks" greifen. Die ständige vermehrte Anstrengung im Alltag den Herausforderungen zu genügen (bei häufig extrem hohem eigenen Anspruchsniveau) führt dann zur Erschöpfung im Sinne eines "Burn-out". Andererseits berichten Frauen (und Männer) mit ADHS aber auch, dass ihre besondere Reizoffenheit sie anfälliger für Stimmungsprobleme macht. Damit ist gemeint, dass ADHSler häufig sich wenig oder überhaupt nicht gegen andere Menschen abgrenzen und manchmal das Gefühl haben, eine schlechte Stimmung oder Traurigkeit von anderen Menschen "aufzusaugen" oder mitzuspüren.

Häufiger spielen auch Reizbarkeit bzw. Impulsivität eine besondere Rolle (möglicherweise durch prämenstruelle Beschwerden verstärkt). Zudem kann natürlich die Betreuung bzw. Erziehung eines ADHS-Kindes eine zusätzliche Belastung (aber auch sehr viel Freude und Erlebnis) bringen.

Weitaus schwieriger zu erfassen sind daneben die besonderen Probleme von Menschen mit einem unaufmerksamen Subtyp von ADHS. Während sie in der Kindheit häufig als geradezu unauffällig und "pflegeleicht" gelten (vielleicht ein wenig langsamer), fällt mit zunehmenden Anforderungen an die Selbstorganisation und "flexible" Anpassung an scheinbar "selbstverständliche" Alltagsanforderungen (Haushalt, Routineaufgaben) gerade hier eine Umständlichkeit, vermindertes Arbeitsgedächtnis bzw. längere Zeit zum Erfassen von komplexen Aufgabenstellungen auf. Die Betroffenen können zwar unter optimalen Bedingungen durchaus gute Leistungen bringen (sie sind ja nicht intelligenzgemindert), benötigen aber eine vermehrte Anstrengung bzw. eben optimale Voraussetzungen in ihrer Umgebung. Fehlen oder Verändern sich diese, so droht die Dekompensation. Noch entscheidender : Die Neuanpassung an neue Bedingungen gelingt häufig nicht, da innerer Antrieb und Ausdauer (bzw. niedrige Frustrationstoleranz) bereits scheinbar einfache Aufgaben (z.B. Bewerbungsschreiben) zur scheinbar unüberwindbaren Hürde werden lassen. Für viele (gerade auch prominente ADHSler) stellt sich das Leben häufig wie ein Wettkampf oder eine Bühne dar. Solange sie Erfolge (und Anerkennung) haben, scheint auch die Stimmung blendend (nach aussen geradezu "euphorisch" ) zu sein. Im Inneren erleben sie sich aber als traurig bzw. erschöpft. Diese Menschen wirken dann ständig auf der Suche nach Reizen ("lebenshungrig"), weil sie die äußere Stimulation brauchen, um eine emotionale Anregung zu haben. (Dies wiederum wird häufig mit Narzismus glechgesetzt, was aber unzutreffend ist).

Nicht selten suchen sie dann Drogen (Kokain!) bzw. eine Sedierung im Alkohol. Suchtprobleme sind somit ausgesprochen häufig anzutreffen.

Wenn man die Presse verfolgt, wird man gerade bei dramatischen Selbstmordversuchen (oder erfolgten Suiziden) immer wieder auf entsprechende Charaktereigenschaften stossen.

Leider ist es auch heute noch sehr sehr schwierig, einen kompetenten Diagnostiker in Sachen ADHS bei Erwachsenen zu finden. Vielleicht wäre auch Literatur ein nächster Schritt. Ich denke hier an das Buch "Die Chaosprinzessin" von S. Solden (wohl nur über den Bundesverband Aufmerksamkeitsstörung / Hyperaktivitaet unter http://www.bv-ah.de) erhältlich. Für Fachleute geeignet ist auch das Buch von Krause und Krause : ADHS bei Erwachsenen (Schattauer-Verlag). Einen Überblick über die Diagnostikleitlinien von ADHS im Erwachsenenalter in Deutschland findet man unter Leitlinien für ADHS im Erwachsenenalter

Stationäres Rehabilitation bei ADHS und Depressionen

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