Kennzeichen einer
Bulimie (Bulimia nervosa)
nach den diagnostischen Klassifikationssystemen (ICD 10 F 50.2) bzw. DSM-IV sind :
- Ständige Beschäftigung mit dem Essen, unwiderstehliche (d.h. auch nicht zu kontrollierende) Gier nach Nahrungsmitteln. Heißhungerattacken in einer Häufigkeit von mehr als 2 mal pro Woche über einen Zeitraum von mindestens 3 Monaten
- Kompensatorische (d.h. gewichtsregulierende) Maßnahmen wie Erbrechen, aber auch die Einnahme von Abführmitteln, Wassertabletten, übermässige sportliche Aktivität oder rigide Hungerphasen) zur Vermeidung einer Gewichtszunahme. Dieses gestörte Essverhalten tritt dann auch schon nach normalen Mahlzeiten oder kleinen Essportionen auf.
- Übertriebene Furcht an Gewicht zuzunehmen ("dick zu werden") mit unrealistischen eigenen Gewichtsgrenzen bzw. unrealistischen Erwartunen an die eigenen Möglichkeiten und Einfluß das eigene Gewicht oder Körperbild zu beeinflussen
- häufig Periodenstörungen mit schwachen oder seltenen Periodeblutungen
Man unterscheidet nach DSM-IV folgende Subtypen der Bulimie:
- Purging-Typ bei Bulimie regelmässiges Erbrechen und / oder Mißbrauch von Abführmitteln, Diuretikern etc.
- Nicht-Purging-Typ kein Erbrechen, aber übertriebenes Hunger und / oder übermäßige körperliche Aktivität um einer Gewichtszunahme entgegenzusteuern.
Klassifikation der Bulimie nach ICD 10
F50.2 Bulimia nervosa
F50.3 atypische Bulimia nervosa
F50.4 psychogene Essattacken
F50.5 psychogenes Erbrechen
Nachrichten aus der Wissenschaft zur Bulimie
Bulimia nervosa : Zuviel Testosteron eine Ursache von Bulimie und Heisshungerattacken?
In einer Doktorarbeit, die in einer schwedischen Studie jetzt veröffentlicht wurde, untersuchte Sabine Naessén vom Karolinska Institut die Rolle von hormonellen Störungen bei Frauen mit Bulimie und Binge eating Störungen. Die These der Arbeit : Frauen mit Heisshungeranfäüllen könnten zu viel vom Testosteron haben, dem männlichen Sexualhormon. In der Studie konnten die Autoren zeiten, dass bis zu einem Drittel der Frauen entsprechende Stoffwechselstörungen haben, die auch ursächlich für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Bulimie bzw. Binge eating Störung verantwortlich sein könnten. Somit spielen Veranlagungsfaktoren bzw. die biologische Konstitution offenbar eine grosse Rolle, psychologische Erklärungsmodelle versagen dann bei dieser Patientengruppe.
Die Studie konnte zeigen, dass bei der Bulimie sowohl biologische und genetische Faktoren wie psychologische Ursachen beteiligt sein können. Die Hormonstörung ist durch ein Überangebot von Testosteron bzw. einen relativen Mangel des weiblichen Sexualhormons Östrogen gekennzeichnet. Dies könnte ein Argument für die Verordnung der "Pille" bei diesen Patientinnen sein, da hierdurch der relative Östrogenmangel ausgeglichen werden könnte.
Man nimmt an, dass zu viel Testosteron bei den Patientinnen zu Heisshunger und einer Sucht nach bestimmten hoch-kalorischen Lebensmitteln bzw. Süssigkeiten führen kann.
21 Patientinnen mit einer Bulimie wurden mit einem östrogenhaltigen Kontrazeptivum behandelt. Innerhalb von 3 Monaten gaben über die Hälfte an, deutlich weniger hungrig zu sein, bzw. das Craving nach Fett und zuckerhaltigen Lebensmitteln reduziert zu haben. 3 Fragen gaben an, dass sie völlig symptomfrei geworden seien.
Die Autorin kommt zu der Schlussfolgerung, dass dies ein starker Studieneffekt sei. Die hormonelle Behandlung kann somit eine Ergänzung oder Alternative zur kognitiven Verhaltenstherapie (Psychotherapie) darstellen.
Anmerkung : In unserer Klinik sehen wir Patientinnen mit einer Bulimie bzw. Binge eating Störung, die konstitutionell eine ADHS-Störung haben. Bei dieser Regulationsstörung sind hormonelle Störungen in der Verfügbarkeit von Östrogen bei Frauen häufiger zu sehen. Es wäre also zu untersuchen, ob es sich wirklich um ein Mangel von Östrogen handelt oder aber eine besondere Regulationsdynamik vorliegt. Wie dem auch sei : Eine sehr interessante Studie aus Schweden.
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