Antidepressiva : Frage und Antworten vom Arzt zu Medikamenten
Abstrakt:
Fragen an den Arzt zu Antidepressiva : Informationen zur Wirkung und Nebenwirkungen von Medikamenten bei Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen
In den vergangen Jahren hat sich ein gewisser Wandel in der Verordnung von Antidepressiva eingestellt, die eher ein wenig "weg" von den tricyclischen Antidepressiva und hin zu eher spezieller (= selektiv) auf einen oder zwei Botenstoffe (Neurotransmitter) im Gehirn wirkende Antidepressiva ausgerichtet ist. Damit erhofft man sich eine bessere Wirkung und weniger unerwünschte Wirkungen / Nebenwirkungen des Antidepressivum.
Es ist aber keinesfalls so, dass die "alten" Medikamente nun unbedingt schlechter sind. So gehört Opipramol (z.B. Insidon®) als sog tricyclisches Antidepressivum (auch TZA abgekürzt) zu den derzeit in Deutschland am häufigsten eingesetzten Antidepressiva, da es vergleichsweise gut bei Schlafproblemen im Zusammenhang mit Depressionen und Angst wirkt.
Eine Art "Vorstufe" für viele Patienten stellt Johanniskraut (Hypericum perforatum) dar. Dieses pfanzliche Antidepressivum wirkt ähnlich wie ein Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer SSRI gegen Depressionen und Angst. Allerdings reicht die Wirkung nicht bei allen Patienten aus, um über ein pflanzliches Antidepressivum eine ausreichende Wirkung gegen die Depression bzw. als Schutz vor einem Rückfall (Rezidivprophlyaxe der Depression) zu erzielen.
Lesen Sie mehr über wichtige Informationen zur Behandlung mit Antidepressiva, damit keine Ängste oder unberechtigten Vorbehalte zur Medikation bei Depressionen verbleiben. Welche Fragen sollten vor der Behandlung mit einem Antidepressivum geklärt sein ?
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Antidepressiva : Typische Nebenwirkungen
Die medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva ist für viele Patienten mit grosser Verunsicherung und Angst verbunden, da sie Nebenwirkungen durch Psychopharmaka befürchten. Das führt leider dazu, dass die Medikamente entweder erst gar nicht, oder aber in zu geringer Dosis oder unregelmässig eingenommen werden. Dann ist in aller Regel keine Wirkung, möglicherweise aber sogar verstärkt das Auftreten von unerwünschten Wirkungen zu erwarten. Das liegt daran, dass die Medikamente einen gewissen Wirkspiegel im Blut benötigen, der kontinuierliche vorhanden sein muss. Erst dann wird der positive Wirkeffekt erreicht. Die Nebenwirkungen sind dagegen in aller Regel zeitlich begrenzt, d.h. auf eine Einstellungsphase von vielleicht 5 bis maximal 14 Tage beschränkt. Wenn man also unregelmässig oder in zu geringer Dosis seine Medikamente einnimmt, sind Nebenwirkungen durch Antidepressiva nicht auszuschliessen.
In seltenen Fällen kann es erforderlich sein, sich mit bestimmten unerwünschten Wirkungen der Antidepressiva zu arrangieren, d.h zeitweise diese Nebenwirkungen zu tolerieren.
Wichtig : Man sollte selber nicht eine medikamentöse Behandlung ohne Rücksprache mit dem behandelnden Arzt beenden oder in der Dosis und Einnahmehäufigkeit verändern.
Wir haben einige typische Nebenwirkungen von häufig eingesetzten Antidepressiva zusammengestellt und mögliche Coping-Strategien im Umgang mit diesen Problemen dargestellt. Nicht alle Nebenwirkungen treten bei allen Medikamentengruppen auf.
Übelkeit und Appetitlosigkeit durch Antidepressiva
Übelkeit, Magendruck oder ähnliche Beschwerden beginnen in aller Regel am ersten Tag der Einnahme bis maximal 1 Woche nach Beginn der Medikation. Diese Nebenwirkungen verschwinden in aller Regel rasch. Relativ häufig ist Übelkeit eine Anfangsnebenwirkung bei der Behandlung mit Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern oder tricyclischen Antidepressiva.
Appetitlosigkeit ist ja auch ein Symptom der Depression oder vieler anderer psychischer Störungen. Es kann sein, dass ein Patient zu Beginn einer antidepressiven Behandlung entsprechende Kernbeschwerden der Depression verstärkt wahrnimmt. Appetitstörungen durch die Medikamente selber sind eher selten und kurzzeitig
Tips zum Umgang mit Übelkeit und Appetitlosigkeit
Nehmen sie die Tabletten zu den Mahlzeiten
Nehmen sie häufigere, kleinere Mahlzeiten zu sich
Trinken sie ausreichend zu den Tabletten. Hier sind Wasser, ungesüsste Fruchtsäfte sinnvoll
Manchmal können Magenschutzpräparate (Antacida) hilfreich sein.
Sprechen Sie ihren Arzt auf eine Dosisanpassung an. Manchmal kann es auch hilfreich sein, den Einnahmezeitpunkt der Antidepressiva zu verändern (z.B. abends)
Gewichtsanstieg , Appetitsteigerung durch Antidepressiva
Für viele Patienten stehen Sorgen um eine mögliche Gewichtszunahme durch Antidepressiva an erster Stelle. Dabei weisen modernere Antidepressiva nur selten diese Nebenwirkung auf. Vielmehr muss man auch berücksichtigen, dass Bewegungsmangel bzw. fehlende Aktivität im Rahmen der psychischen Grunderkrankung, ungesunde Ernährungsweisen (Süssigkeiten, Fastfood) eine Rolle spielen können. Mit dem Nachlassen der Depression ist andererseits bei einigen Patienten eine vorrübergehende Appetitsteigerung als Ausgleich der "Mangelphase" möglich.
Ältere Antidepressiva oder auch Mirtazapin (z.B. Remergil) haben aber tatsächlich über eine Flüssigkeitsansammlung oder Appetitsteigerung bei einigen Patienten zu Gewichtssteigerungen beigetragen. Weniger Probleme gibt es bei SSRI, Buproprion oder den moderneren selektiven Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmern oder Kombinationspräparaten.
Tips gegen eine Gewichtszunahme bei Antidepressiva
Essen sie viel Obst und Gemüse bzw. Vollwertnahrung
Reduzieren sie Süssigkeiten, stark gesüsste Fruchsäfte oder aber Cappucino / Kaffee-Mixgetränke
Versuchen sie 30 Minuten Sport oder Bewegung über Spazierengehen in den Tag einzubauen.
Suchen Sie eine Ernährungsberatung auf
Sprechen Sie ihren Arzt auf einen Wechsel der Medikation bei anhaltender Gewichtssteigerung an.
Sexuelle Nebenwirkungen durch Antidepressiva
Auch bei sexuellen Störungen durch Medikamente sollte man sich zunächst klarmachen, dass entsprechende Funktionsstörungen natürlich im Rahmen einer Depression oder anderen psychischen Problematik selber SYMPTOM sind. Verminderte Libido (Lustlosigkeit), Erektionsstörungen oder ein fehlender Orgasmus sind nicht in allen Fällen auf die Medikamente zurückzuführen.
Relativ bekannt sind aber sexuelle Nebenwirkungen bei Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern. Nicht immer übrigens mit negativen Auswirkungen für alle Patienten. So kann bei SSRI eine verzögerte Ejakulation (Samenerguss) auftreten, was wiederum bei vorschnellem Samenerguss therapeutisch genutzt wird. Aber bei anhaltenden Beschwerden sollte man vertrauensvoll mit seinem Psychiater sprechen. Sexuelle Probleme sind besonders bei tricyclischen Antidepressiva und SSRI beschrieben. Dies bezieht sich besonders auf eine erektile Dysfunktion.
Hilfsmöglichkeiten bei sexuellen Funktionsstörungen bei Antidepressiva
Sprechen Sie ihren Arzt auf das Problem an. Möglicherweise lässt sich durch eine Dosisanpassung oder eine Veränderung des Einnahmezeitpunktes (z.B. spät abends vor dem Schlafengehen) eine Besserung erzielen
Möglicherweise benötigen sie zusätzlich Medikamente oder Behandlung der Erektilen Dysfunktion (z.B. Viagra)
Ggf. kann ein Wechsel auf ein Medikament mit weniger entsprechenden Problemen hilfreich sein.
Müdigkeit / Schwindel und Benommenheit unter Antidepressiva
Selbstredend gilt auch hier, dass man bei Depressionen oder Angststörungen sich schlapp und häufig müde fühlt. Zu Beginn einer Medikation kann es sein, dass gerade vorher sehr aktive (agitierte) Patienten sich "ausgebremst" fühlen, wenn sie unter der Medikamentation ihre eigene Erschöpfung erst einmal wahrnehmen (müssen). Es ist also recht häufig, dass sich eine verstärkte Müdigkeit und Schlafbedürfnis in den ersten Tagen der Therapie einstellt. In aller Regel ist dies nicht sofort der Fall, sondern signalisiert häufig, das sich die Depression jetzt schrittweise zurückbildet. Es ist also gar nicht so ein schlechtes Zeichen, wenn eine Phase der Erholung einsetzt.
Bewältigungstips bei Müdigkeit und Erschöpfung unter Antidepressiva
Versuchen sie Bewegung durch Spaziergänge an der frischen Luft (und Licht) zu nutzen
Nehmen sie die Medikation ein bis zwei Stunden vor dem Schlafen
Versuchen sie ein Lichttherapielampe tagsüber zu nutzen
Vorsicht beim Autofahren ! Solange Müdigkeit und Erschöpfung vorliegen, sollten sie nicht selber ein Auto fahren.
Häufig kann Grübeln über Sorgen und Probleme den Schlaf rauben. Wenn man tagsüber nicht aktiv ist, wird das Schlafen abends zum Problem. Während viele Antidepressiva (z.B. Trimipramin) sogar von Ärzten zum Fördern des Schlaf eingesetzt werden, klagen einige wenige Patienten unter eher antriebssteigernden Antidepressiva über neu einsetzende Schlafprobleme. Insgesamt sind aber medikamentös bedingte Schlafstörungen eher selten unter Antidepressiva.
Tips bei Schlafstörungen unter Antidepressiva
Lassen sie die Medikation auf eine morgendliche Einnahme umstellen
Versuchen sie etwa 3-5 h vor dem Schlafengehen noch eine körperliche Bewegung einzubauen.
Versuchen sie eine Schlaf-Routine mit einem entspannenden Buch, einer Entspannungsübung oder aber einem Hörbuch einzuhalten.
Mundtrockenheit unter Antidepressiva
Noch vor wenigen Jahren galt Mundtrockenheit als nahezu unausweichliche Nebenwirkung, da viele tricyclische Antidepressiva diese Nebenwirkung aufweisen. Der anticholinerge Effekt von noradrenerg wirkenden Antidepressiva kann auch auf den Magen-Darm-Trakt (zB. Verstopfung unter Antidepressiva) oder aber beim Wasserlassen entsprechende häufige Probleme verursachen. Die meisten Psychiater werden diese Medikamentengruppe also erst dann einsetzen, wenn die Patienten nicht entsprechende Probleme aufweisen. So sind tricyclische Antidepressiva gerade bei älteren Patienten heute eher seltener (von Hausärzten) eingesetzte Therapieoptionen.
Tips bei Mundtrockenheit und anderen anticholinergen Nebenwirkungen
Trinken sie regelmässig kleine Mengen Flüssigkeit.
Kauen sie zuckerloses Kaugummi
Wechseln sie das Medikament bzw. passen sie die Dosis an
Sehstörungen unter Antidepressiva
Anticholinerg wirkende Antidepressiva können vorrübergehend Sehstörungen verursachen. Diese Nebenwirkung ist aber in aller Regel eher kurzfristig. Sie sollten in einem solchen Fall eine augenärztlche Diagnostik machen lassen, um erhöhten Augeninnendruck (Glaukom) ausschliessen zu lassen.
Verstärkte Depressivität , Selbstmordgedanken , Angst und Agitation oder Aggressivität unter Antidepressiva
Wenn in der Anfangsphase einer Depressionsbehandlung eine Zunahme der Wahrnehmung der eigenen Depressivität bzw. der scheinbar "aussichtslosen" Gesamtsituation eintritt, können Selbstmordgedanken sehr gefährlich werden. Das Problem dabei ist, dass die Stimmungsverbesserung erst deutlich später als die Antriebssteigerung einsetzt und damit die Gefahr besteht, dass ein depressiver Patient sich noch sehr hoffnungslos fühlt aber schon wieder Antrieb bzw. innere Getriebenheit spürt, die dann letztlich auch in einem Selbstmordversuch resultieren kann. In diesen Fällen werden Psychiater häufig neben einem Antidepressivum vorrübergehend ein angstlösendes Medikament (z.B. Tavor) geben und den Patienten engmaschig überwachen. Hier kann eine vorrübergehende stationäre Behandlung erforderlich sein.
Andererseits berichten einige Patienten mit hoher Sensibilität (oder Reizoffenheit z.B. bei ADHS), dass sie unter einer Behandlung mit Antidepressiva ihre Gefühle überhaupt erst wahrnehmen. Die Medikation wirkt dann wie eine "innere Brille" und emotionale Verletzungen aus dem ganzen Leben werden spürbar. Typisch für diese Patienten ist, dass sich emotionale Verletzungen wie wiederkehrende Traumata auswirken, die dann durch eine neue Krise reaktiviert bzw. durch andere Personen getriggert werden. Hier ist ein psychotherapeutisches Vorgehen bzw ggf. spezielle Methoden der Traumabehandlung sinnvoll.
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