Bisher gilt in Deutschland die Ergotherapie als "entbehrliche" Behandlung im Rahmen eines multimodalen Therapieansatzes bei ADS / ADHS. Dies mag überraschen, weil sicherlich in der tagtäglichen Praxis die Verordnung von Ergotherapie das häufigste Therapieangebot bei Kindern im Vor- und Schulalter mit einem Hyperaktivitätssyndrom (HKS) sein dürfte.
Wie jedoch die Fachgesellschaften für Kinder- und Jugendpsychiatrie feststellen fehlen wissenschaftliche Belege, die die dauerhafte Effektivität im Sinne einer spezifischen Wirksamkeit der Ergotherapie nachweisen würde. Dies bedeutet nun aber nicht, dass eine solche Verordnung sinnlos wäre.
Aus medizinischer Sicht wäre jedoch zu fordern, dass eine umfassende Diagnostik und daraus abgeleitet eine störungsspezifische Behandlung der ADHS erfolgen sollte. Eine immer wieder verlängerte Ergotherapie des Hyperkinetischen Syndroms sollte sehr sehr kritisch hinterfragt werden.
Positiv anzumerken ist, dass Kinder in aller Regel sehr gerne zur "Ergo" gehen, da sie dort sehr individuell und erlebnisorientiert eine Therapie erhalten, die durchaus Spass und Erfolge vermittelt. Schon allein das kann "heilsam" sein, da Erfolge als Motivation für ADHS-Kinder sehr wichtig sind. Liegen Wahrnehmungssstörungen bzw. eine motorische Ungeschicklichkeit vor, kann dies gezielt geübt werden. Sicherlich ist es auch sinnvoll, dass Kinder mit ADHS über wiederkehrende Handlungsabläufe eine bessere Handlungsplanung und Automatisierung von wiederkehrenden Abläufen (z.B. Anziehen, Zeit bis zur Schule, wiederkehrende Aufgaben) üben.
Haben sich Ergotherapeuten mit den modernen Behandlungskonzepten der ADHS beschäftigt, so kann in Kooperation mit anderen Berufsgruppen eine ergotherapeutische Arbeit u.a. hilfreich sein:
- Diagnostik bzw. Früherkennung von Wahrnehmungs-, Motorik-, und Aufmerksamkeitsabweichungen
- gezielte Therapie bei speziellen Wahrnehmungs- und Motorikproblemen, die gemeinsam mit ADHS auftreten
- Individuelle Förderung im 1:1 Kontakt
- Psychoedukation mit der Informationsvermittlung von Wissen über ADHS in angemessener Form
- Spezielle Elterntrainings (z.B. THOP, Laut und Schlottke)
- Soziales Kompetenz- und Problemlösetraining
- Kommunikationstraining
Neuere Ergotherapeutenangebote bieten in einem "Rundlos-Sorglos-Paket" eine Mischung von Elterntraining und Information, Bausteine einer Verhaltenstherapie bzw. sozialer Kompetenz und Kommunikation und spezifische Trainings von Wahrnehmung, Motorik und Koordination. So sinnvoll dies auch zunächst erscheinen mag (und in aller Regel auch gut gedacht bzw. geschult), so muss doch kritisch hinterfragt werden, ob die Ergotherapie die gleiche Wirkung wie bisher empfohlene multimodale Therapieangebote beim Kinderpsychologen bzw. Kinderpsychiater haben kann.