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Abstrakt: Welche Situationen oder Plätze vermeiden Patienten mit Angststörungen?

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Angst / Panikstoerung mit Agoraphobie - Wie entsteht Vermeidung von Situationen bei Angststörungen

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Geschrieben von: Martin Winkler
Erstfassung: 25 Jan 2004. Geändert: 30 Okt 2008.

Welche Situationen oder Plätze werden von Patienten mit Angst oder Panikstoerung vermieden (Agoraphobie)?

Antwort:
Typisches Kennzeichen für Vermeidungsverhalten ist es, dass bestimmte Situationen oder Plätze aus Angst vor dem Auftreten von Ängsten oder unangenehmen körperlichen Beschwerden im Zusammenhang mit der Angstreaktion nicht aufgesucht werden oder aber nur in Begleitung bzw. mit bestimmten "Tricks" (z.B. unter Tabletten- oder Alkoholeinfluss) durchgestanden werden. Eine weitere Form der "Vermeidung" wäre die extreme gedankliche Ablenkung, die man gerade im therapeutischen Prozess in der Konfrontation mit Ängsten berücksichtigen muss.

Ein Extrembeispiel nannte mir ein Patient, der Falschschirmsprunglehrer war. Er litt unter extremer Höhenängsten, die jedoch erst ca 100-200 Meter vor der Landung mit seinem Gleitschirm relevant wurden. Um sich selbst von den Ängsten abzulenken bzw. gedanklich nicht damit zu beschäftigen, hat er riskante Flugmanöver gewählt, die ihn abgelenkt hätten. Dieser Mann konnte nicht auf ein Hochhaus oder auch nur eine 2-stöckige Treppe ohne Ängste gehen....

Grundsätzlich kann es unterschiedliche Gründe für die Entstehung und Aufrechterhaltung dieser Ängste geben. Für die Therapie ist es daher gerade von entscheidender Bedeutung, das Thema bzw. die Inhalte der Ängste zu erfahren. Also genauer zu ermitteln, welche Gedanken und Befürchtungen denn nun eigentlich auftreten würden, wenn man sich der gefürchteten Situation aussetzen würde.

Aus lerntheoretischer Sicht gibt es (mindestens) 2 grundsätzliche Ursachen, die zur Entstehung einer Agoraphobie beitragen. Die (wohl sehr seltene) einfache Agoraphobie beruht auf ein unangenehmes, bzw als sehr bedrohlich erlebtes Ereignis, das mit den Gefühlen, Gedanken und körperlichen Reaktionen der Angst verknüpft wird (sog. Konditionierung). Wieder ein Beispiel aus dem Lehrbuch (dargestellt vom bekannten englischen Verhaltenstherapeuten Isaac Marks):

    Ein Kind spielt im Sandkasten, das auto der Eltern ist etwa 40 m entfert geparkt. Das Kind sieht im Sandkasten plötzlich eine Schlange und erschrickt. In seiner Aufregung läuft das Kind zum Auto der Eltern und klemmt sich dabei in der Hektik die Finger in der Autotür ein. In der Folge entwickelt das Kind eine ausgeprägte Phobie (Angst). Jedoch nicht vor der Autotür, sondern vor Schlangen.
In diesem Beispiel erfolgt also ein "Fehllernen" des Reizes (=Schlange) mit der Angstreaktion des Kindes. Jedesmal wenn das Kind nun nur eine Schlange sieht (oder vielleicht auch nur ein Photo oder Film davon) treten die typischen Gedanken, Gefühle und körperlichen Reaktionen der Angst auf. Das Kind wird (ohne Behandlung alles dran setzen, um auch potentielle Orte oder Situationen mit Schlangen zu vermeiden. (mehr zum Thema Behandlung der Schlangenphobie in einem anderen Text von Gunborg Palme)

Diese Form der Agoraphobie bzw Entstehung von Vermeidungsverhalten lässt sich aber nur recht selten herausarbeiten. Häufig ist eher eine komplexe Agrophobie. Damit ist gemeint, dass die Patienten nicht die Situation an sich (z.B. also die Schlange) sondern eher die möglichen Konsequenzen befürchten. Sie haben also eine "Angst vor der Angst" = Erwartungsangst

Grundsätzlich kann man also aus dem Thema der Angst, schon Hinweise auf die zugrundliegende Problematik bzw. eine nähere diagnostische Zuordnung gewinnen:

  • Soziale Ängste / Phobie Angst vor Blammage und Peinlichkeit, Ohnmacht, Kontrollverlust in der Öffentlichkeit bzw. bei bestimmten Anlässen (Reden, Vortrag, Situationen beim Essen oder Trinken)
  • Krankheiten / Hypochondrie Angst vor schweren körperlichen oder geistigen Erkrankungen
  • Kontrollverlust / Hilflosigkeit Enge Räume, Verkehrsmittel etc
  • Zwangsstörung irrationale Befürchtungen, anderen etwas anzutun, sich zu versündigen oder sexuell ausfällig zu werden (dies kann aber auch bei der Panikstörung ein Angstthema sein, die Abgrenzung ist nicht immer leicht)
  • einfache Phobien (z.b. Höhenangst, Tiere, Blut, Spritzen)

Eine Sonderform stellen Ängste bzw. Vermeidungsverhalten bei Patienten mit schweren Traumatisierungen (also bei Posttraumatischer Belastungsstörung und bestimmten Persönlichkeitsstörungen dar. Die Patienten würden durch bestimmte Auslösereize ("Trigger") in einen dissoziativen Zustand geraten bzw. starke Ängste und /oder ein Wiedererleben (Flashback) von traumatischen Erlebnissen erleben. Dies wird mehr oder weniger unbewusst vermieden. Trigger sind im eigentlichen Sinne keine "gefahrbesetzten" Situationen, sondern standen zum Zeitpunkt der Traumatisierungen in einem Zusammenhang (z.B. bestimmter Geruch, bestimmte Geräusche, ein Pullover oder anderes Kleidungsstück, Dunkelheit im Raum).

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