Ein wesentliches Merkmal bzw. Leitsymptom der Major Depression kann der Verlust der Gefühle bzw. der normalen Fähigkeit Freude oder Traurigkeit (und natürlich jegliche andere Gefühle) zu spüren oder angemessen zu zeigen. Einige Patienten sprechen dabei vom "Gefühl der Gefühllosigkeit", das sie als innere Leere und Unfähigkeit zum Ausdruck eigener Gefühlsregungen (Emotionen) beschreiben.
Gerade in der Beziehung zu nahen Angehörigen kann dies als besonders belastend für beide Seiten relevant werden. So zweifeln depressive Patienten mitunter an Gefühlen, die sie zuvor ihrem Lebenspartner oder Kindern selbstverständlich gegenüber hatten. Aber auch jeglicher Versuch der Aufmunterung oder eine kleine Freude (z.B. ein Spaziergang, Bilder von den Kindern oder Haustieren) scheinen so überhaupt keine Gefühlsregung mehr zu erzeugen.
Häufig genug fühlen sich die Patienten also innerlich eingebunden ("wie in einer Mauer") und man kann häufig dies an einem starren bzw. salbenartigen Gesichtsausdruck auch äußerlich sehen.
Einigen meiner Patienten gegenüber habe ich versucht, diese Symptomatik mit folgendem Modell zu verdeutlichen:
Bei einem plötzlichen belastenden Ereignis (z.B. der Todesfall eines nahen Angehörigen) ist es eigentlich selbstverständlich, dass man in eine Phase der tiefen Trauer mit entsprechenden Veränderungen der Stimmung, Gedanken und Verhalten für eine Weile verweilt. Andererseits kann es Situationen geben, in denen dies gerade nicht möglich ist (oder subjektiv nicht möglich erscheint). Sei es, dass der Schmerz des Verlustes zu gross ist, sei es, dass z.B. eine verwitwete Mutter die Verantwortung für die weitere Lebensführung einer Familie übernimmt. Hier scheint die Natur häufig eine Art "Branddecke" über die Gefühle und Erlebnisse zu werfen. Alle negativen (aber eben auch positiven) Gefühle und Erlebnisse werden scheinbar für eine Zeit verdeckt (verdrängt?), damit die Person irgendwie weiter ihre Aufgaben bzw. lebensnotwendigen Dinge erledigen kann.
Hält dieser Zustand über einen längeren Zeitraum an und/ oder kommen weitere belastende Ereignisse hinzu (ohne dass es zu angessenen Phasen der Regeneration oder emotionalen Unterstützung käme), so tritt irgendwann eine Phase ein, in der die vorhandenen Kräfte schlicht nicht mehr ausreichen. Leere. Man könnte auch davon sprechen, dass der Organismus eine Art "Notbremse" zieht und quasi den Patienten dazu zwingt, inne zu halten. Es ist nicht ungewöhnlich, dass jetzt das Denken, Fühlen und Handeln scheinbar überhaupt nicht mehr (richtig) funktioniert.
In dieser Phase kann man die Depression durchaus auch als Aufforderung verstehen, auf eigene Grenzen der Belastbarkeit bzw. Signale der Überforderung zu reagieren. Erst wenn sich grundlegend etwas am Umgang mit den Belastungsanforderungen ändert, wird sich dann auch etwas an der Befindlichkeit sichtbar verändern.
Häufiger merkt man, dass gerade hinsichtlich der emotionalen Ebene eine "Erholung" bzw. Rekonvaleszenz länger dauern kann, selbst wenn der Antrieb oder typische depressive Verstimmtheit bereits rückläufig ist. Es lohnt sich aber, auf die eigenen Emotionen als Signale zu achten.
Es ist also recht typisch, dass sogar zu Beginn einer Therapie (sei es medikamentös oder aber bei einer psychotherapeutischen Behandlung) scheinbar erst Symptome einer depressiven Verstimmung "auftreten". Dies sind dann aber keinesfalls Zeichen einer Nebenwirkung der Therapie, sondern der Beginn der Veränderung, da sich jetzt die Depression langsam lösen und verändern kann.
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